Philosophie

BINDU

Die Suche nach dem geeigneten Namen für einen sozialen Kunst und Kulturverein der sich aus philosophischen Ansätzen entwickelte führte uns zum indischen Begriff BINDU und zu S. H. Raza, dem Grand Senior der zeitgenössischen indischen Maler.

Raza, der seit 1950 in Paris philosophisch und künstlerisch an der Bedeutung von BINDU arbeitet, wurde von Werner Dornik 1997 neben 20 weiteren Malern aus Österreich und Indien in das Kunstprojekt “The Search Within“ eingeladen. Seither verbindet sie eine tiefe geistige Freundschaft.

Raza stellte dem Verein alle seine Bilder für Veröffentlichungen zur freien Verfügung. Wir danken ihm an dieser Stellte sehr herzlich für die Unterstützung des BINDU ART-SCHOOL Projektes.

Der folgende Text der BINDU umschreibt wurde aus Razas Büchern und Katalogen übersetzt.

Für Raza wird BINDU das einzig, zwingende Motiv, das auf Leinen in endlosen Variationen immer wieder kehrt – in einer zeitlosen Zone hängend, wie eine magnetische Kraft, die heilige, universelle Ordnung kontrollierend.

BINDU wird mit dem dritten Auge begriffen und gefühlt. Früher wurde es von Raza als blendende „Schwarze Sonne“ erdacht, welche die Erde versengt und nun selbst die Erde mit einer Fülle von Schätzen ist – die Erde, selbsthervorrufend und ausgestattet mit den Kräften der Selbsterneuerung.

Die vielfachen Bedeutungen des Wortes BINDU sind in ihren Formen bedingungslos /absolut. Wenn wir die Ableitung des Wortes untersuchen, bedeutet es Punkt, Fleck, Tropfen, Samen. Es kann vom Wortstamm „bid“ (=Sanskrit) „durchschneiden, zerteilen“ und vom Wortstamm „ind“ hergeleitet, was soviel heißt wie „kraftvoll sein“.

Die literarische Bedeutung von Bindu ist Tropfen oder Punkt, „drapsa“ im vedischen Sanskrit und Avayava bezieht sich ganz besonders auf den Punkt, welcher einen universellen Körper formt. Deshalb bezeichnet es auch den männlichen Samen. Am Anfang beschreibt BINDU eine Kreis oder ein Dreieck, welches als Symbol des Universums gedacht ist und gleichzeitig die höchste Wirklichkeit repräsentiert. Folglich ist Bindu nicht nur die Quelle, die Grundlage, das „Haus“ der Ruhe, sondern auch purer Glanz genauso wie vibrierender Ton – immer selbstdarstellend in Form von Plänen und Objekten, während es in seinem ursprünglichen Glanz des bedingungslosen Bewusstseins bleibt.


Formen entstehen aus Dunkelheit. Ihre Erscheinung wird in der Verborgenheit wahrnehmbar. Sie werden von Bedeutung, wenn ihre Energie durch eine Vision in eine lebendige Formanordnung für welche bestimmte Voraussetzungen unerlässlich sind, zu glänzen beginnen.

Die Geheimnisse der Formen enthüllen sich selbst durch die Wahrnehmung von Licht, Farben und Raum. In einem sichtbaren Energieschauspiel sind gewisse Grundelemente miteinender verstrickt und bestimmen die Natur der Formen. Ihr Verständnis ist in jedem kreativen Prozess unentbehrlich. In welche Richtung die Kunst auch gehen mag, die Sprache der Formen beeindruckt mit ihrer eigenen inneren Logik und offenbart unendlich viele Variationen und Umwandlungen. Der Verstand kann diese Rätsel nur teilweise begreifen. Die höchste Wahrnehmung beruht auf einer intuitiven Ordnung, woran alle menschlichen Kräfte teilnehmen, der Verstand eingeschlossen, welcher im Grunde aber eine unbedeutende Rolle im kreativen Prozess spielt. Dieses Stadium ist die totale Freude and trotzt jeglicher Analyse/Deutung.

Raum, Zeit, Kosmologie sind im indischen Denken und in der indischen Kunst tief verwurzelt. Genauso wie die abstrakten und geometrischen Formen in Raza’s Bildern integriert sind, sind die Konzepte in Verbindung mit allen Gedankengängen.

Eine Vielzahl von Texten beschäftigen sich mit dem philosophischen Gedanken von BINDU. Selbst ohne philosophischen Zusammenhang ist die Form des Bindu voller Bedeutungen – für jene, die nicht in mettphysikalische Konzepte eingeweiht sind. Als Gestalt und Form bedeutet BINDU Vollendung. Seine Form ist ein Kreis – ganz, intakt, selbstgenügend und komplett, immer wieder zu seinem Ursprung zurückkehrend. Folglich ist es eine zweite Bezeichnung für den zyklischen Gedanken der Zeit, des Wiederkehrens. Es ist die Wiederkehr der Menschen zum Ausgangspunkt, zum Ursprung und zum Beginn der Erde. Es gibt noch eine Parallele und zwar die zur Sonne, welche ebenfalls die Form des Bindu hat. Die Sonne reist duch den Tag, es wird Nacht, und am nächsten Morgen kommt sie wieder um die Reise abermals zu beginnen. Die Sonne reist durch die Zeit bestimmt die Sunde, die Tage, die Wochen, die Monate – unendlich. Somit übernimmt Bindu die Rolle und Bedeutung der Zeit, welche in Indien nicht linear sondern zyklisch ist – immer wieder kehrend durch „kalpas“ der Zeit, um die Erde aufzulösen, zu erneuern und wieder zu beleben. Bindu hat auch die Form von „Shunya“. Dies bedeutet den Geist von allem zu befreien. Während Shunya eine unmanifestierte Form ist, ist Bindu manifestiert, eine konkrete Form voller Energie.

Bindu ist eine bestimmte manifestierte Form – Perfektion. Wenn es ruhig und nicht in Bewegung ist, erreicht es das Stadium des reinen und leichten Seins.