Das Projekt BINDU-ART-SCHOOL

Vorgeschichte 3

Sie müsse wie ein scharfes Messer oder eine Waffe sein,
um Missstände,Ungerechtigkeiten, Verletzungen von
Menschenrechten oder Kriege zu verhindern


hat Pablo Picasso von der Kunst gefordert.





Die BINDU-ART-SCHOOL bemüht sich sozial-, kultur-, und entwicklungspolitisch, ohne Mitleiderzeugung bzw. die zur Schaustellung von Armut und Leid und ohne den Erniedrigungen des Almosenempfanges, um eine dauerhafte Verbesserung von Lebensbedingungen und Entwicklungsperspektiven von Lepra infizierten *„aussätzigen“ Menschen in Indien.

*AUSSÄTZIG–SEIN bedeutet, dass ich mit Lepra infiziert wurde, und obwohl diese Nervenkrankheit seit vielen Jahrzehnten einfach heilbar ist, muss ich mein Dorf und meine Familie für immer, das heißt ohne Chance auf Rückkehr, verlassen. Mein Leben werde ich mit anderen „Unberührbaren“ teilen. Vielleicht in einer Kolonie, im Slum oder auf der Straße ..... in jedem Fall ohne eine Chance auf Arbeit. Wird mir eine medizinische Behandlung nicht möglich, wird der Erreger zuerst die Nerven an den Gliedmaßen zerstören, und in Folge meinen Körper deformieren.

Die BINDU-ART-SCHOOL lehrt den Betroffenen ihre Lebenserfahrungen künstlerisch in Malerein zu verarbeiten und organisiert den Bildverkauf, damit sie mit dem Malen ihren Lebensunterhalt verdienen, und darüber hinaus auch anderen Betroffenen helfen können.

Lebenserfahrungen sind oft mit Leid und intensiven Klärungsprozessen verbunden. Die Kraft eines Kunstwerkes ist von der „Geklärtheit“ und Intelligenz des Künstlers abhängig. Nicht jener Intelligenz, die aus Wissen und Tradition resultiert, sondern die sich zwischen den Zeilen unbeweisbar aus Veranlagung und Klärung entwickelt. Kunst kann immer nur jene Energie transportieren, die dem Künstler eigen ist. Kunst erlernen kann nur Imitation hervorbringen.

Vor Projektbeginn war ich intuitiv überzeugt, dass, wenn Lepra infizierten Menschen ihre unbeschreiblichen innerlichen wie äußerlichen Erfahrungen und Erlebnisse auf Papier malen, Bilder entstehen werden, die einen ungewöhnlichen künstlerischen und in Folge auch materiellen Wert haben.

Die erste BINDU-ART-SCHOOL wurde mit 19 StudentInnen im Februar 2005 in der Leprakolonie Bharathapuram im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, in der ca. 700 Leprose leben, eröffnet. Derzeit besuchen 36 Studenten den Unterricht. Der Schule stehen die Räumlichkeiten eines Kolonie-Altersheimes, und der Hof der dazugehörenden Tempelanlage zur Verfügung.


Bharathapuram ist eine von 36 Kolonien, die Padma Venkataraman (Tochter des früheren indischen Staatspräsidenten) mit der „WOMEN`S INDIAN ASSOCIATION“ (WIA) betreut.
In Bharathapuram bestehen soziale und kommunale Strukturen, die von Venkataraman in den letzten 5 Jahren u. a. mit Mikrokreditsystemen aufgebaut wurden.

Die WIA, setzt sich seit 1918 für die Rechte, soziale Gleichstellung, Bildung, die nationale Integration der Frau und den Weltfrieden ein. Die Kooperation BINDU/WIA entstand aus meiner Zusammenarbeit mit Padma Venkataraman im Bereich sozialer Kulturprojekten, die 1992 begonnen hat. Die WIA hat die Projektbetreuung, Beobachtung und finanzielle und buchhalterische Abwicklung des Projektes vor Ort übernommen. und das Künstlerehepaar N. Ramachandran und V. Anamika betreuen das Projekt in den künstlerischen Bereichen.

Um die individuelle, künstlerische Entwicklung nicht zu beeinflussen, werden die betreuenden KünstlerInnen die Arbeiten der Studenten nicht kritisieren oder beurteilen. Die Studenten werden nur in Fragen technischer Bereiche wie Farbenlehre, Perspektive etc. beraten. In Indien wird die Sonne von den Künstlern als Surya, die Göttin der Farben und Künste, verehrt. Um das Geistige im künstlerischen Werdegang zu fördern, beginnt der Unterricht täglich mit einem Sonnengebet und Meditation.

Gender-relevant wurden Männer und Frauen als StudentInnen und als BetreuerInnen
aufgenommen. Die StudentInnen leben seit Jahren oder Jahrzehnten in der Kolonie, sind zum Teil Analphabeten und gehören verschiedenen Religionen und Kasten an.
Ihr Altersunterschied, liegt zwischen 26 und 76 Jahren.

Der Lehrplan wurde so gestaltet, dass die StudentInnen langsam mit dem Zauber der Farben vertraut werden. In den ersten 3 Schulwochen wurde ausschließlich mit den Farben SCHWARZ und WEISS gearbeitet. In den folgenden 3 Wochen erhielten sie zusätzlich die Farbe BLAU. Danach wurden für 3 Wochen GELB anstatt BLAU, und nach weiteren 3 Wochen ROT statt GELB verwendet. Vor ein paar Wochen wurde mit dem Mischen der Farben begonnen. Den StudentInnen werden ab Herbst 2005 „einfache“ Kunstgeschichte vermittelt, und Themen zum Malen vorgegeben.

In den Wintermonaten werden einwöchige Workshops mit KünstlerIn oder KunsterzieherIn aus Indien und Österreich organisiert. Im Februar 2006 hielt der österreichische Künstler Tone Fink den ersten Workshop, gefolgt von Lucia Masu (I) und Dagmar Vogl (A)
In diesen Workshops wurden die StudentInnen mit Maltechniken, verschiedenen Malstilen und künstlerischen Zugängen vertraut gemacht.

In Indien haben sich bereits folgende KünstlerInnen bereit erklärt gegebenenfalls einen Workshop in der Schule zu halten.
S. H. Raza Arpanan Caur, Jogen Chowdhury, Vijay Kowshik, Anjana Mehra, Benitha Perciyal, S. Sivabalam, Subodh Gupta, N. Thayagarajan, Manoharan, V. Anamika, N. Ramachandran, und Anjum Singh.
Die Workshops werden für die geplante Fernsehdokumentation aufgezeichnet.

Fern von „Charity“ werden die Werke der StudentInnen und der Workshop-KünstlerInnen in Multimedial konzipierten Ausstellungen in Europa, Amerika, Indien und über die Projekt-Website zum Verkauf angeboten. In Zusammenarbeit mit Galerien, Institutionen und Schulen wird ein internationales Ausstellungsnetz aufgebaut. In 2 Jahren soll eine finanzielle Unabhängigkeit erreicht werden, die ohne Fremdmittel die Gründung weiterer Schulen ermöglicht.

Das soziale System der BINDU-ART-SCHOOL wurde gemeinsam mit den Betroffenen demokratisch erarbeitet und sieht vor, dass 30% der Einnahmen nach dem Verkauf der Bilder unter allen Studenten gleichermaßen aufgeteilt werden. 30% werden für die Stipendien weiterer Betroffener verwendet. 40% werden für die Organisation bzw. Administration, Eröffnung neuer Schulen und Ausstellungen verwendet.

Die BINDU-ART-SCHOOL bietet so einen Weg, der Hilfsbedürftigen nicht nur die Selbsthilfe ermöglicht, sondern sie auch dahin führt, anderen zu helfen.

Dieser Weg, der die Selbsthilfekapazität erhöht, wird durch Buch-, Fernsehdokumentation und Internet einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Schulprojekte und intensive Medienarbeit werden darüber hinaus, helfen die Bilder zu vermarkten.

Es ist wünschenswert und auch anzunehmen, dass internationale, wirtschaftliche und mediale Projekterfolge eine intensive Projektnachahmung in Indien herbeiführen werden.

Ein Katalogbuch wird die künstlerische Entwicklung der Studenten dokumentieren und Ihre Werke sowie die der Workshop haltenden Künstler zeigen. Die Textbeiträge aus Politik Kunst und Wirtschaft werden sich u.a. auf das Projekt, die Kultur einer neuen Entwicklungspolitik, und auf Kunst beziehen.


Wesentlich wird die regionale wie internationalen Vernetzung von privaten und öffentlichen Institutionen, Förderstellen, KünstlerInnen, Publikum und den Betroffenen.

Der geplante Dokumentarfilm für TV und Schulen wird die Projektentwicklung und das Umfeld der StudentInnen veranschaulichen, und einen Austausch von materiellen und immateriellen Werten forcieren.

Werner Dornik